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Litauen-Reise des Hansa-Kollegs und des Ostpreußischen Landesmuseums

Bereits zum sechsten Mal in ihrer langjährigen Kooperation sind das Hamburger Hansa-Kolleg und die Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum, Agata Kern, zusammen auf Reisen gegangen. Diesmal ging es vom 12. – 19. Juni nach Litauen. Lange hatten wir gezweifelt, ob wir diese Reise durchführen sollten. Erst war es Corona, das uns Sorgen bereitete; dann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der auch die baltischen Länder in den Fokus der weltpolitischen Aufmerksamkeit hatte rücken lassen. Dabei tut sich das kleine Litauen in besonderer Weise hervor, indem es den belarusischen Oppositionellen Zuflucht gewährt, neuerdings sich mit Russland anlegt, indem es die Transportwege in die Kaliningrader Exklave blockiert – und gleichzeitig noch den Konflikt mit China in Kauf nimmt, weil es mit Taiwan der chinesischen Führung nicht genehme Kontakte pflegt. Ein mutiges Land also, das man sich einmal genauer ansehen sollte.

Dass wir mit der Fähre angereist sind, war eigentlich eine Entscheidung, die dem knappen Geldbeutel der 14 mitreisenden Kollegiat*innen geschuldet war. Aber 20 Stunden Seereise einmal über die Ostsee von West nach Ost lassen einen auch ein Gefühl dafür bekommen, wie weit die baltischen Länder von uns entfernt sind – und wie nah sie an Russland liegen.
In der litauischen Hauptstadt Vilnius erwartete uns ein abwechslungsreiches Programm: Im wiederaufgebauten Palast des Großfürsten wurden wir mit der langen Geschichte des polnisch-litauischen Großreiches vertraut gemacht, in dessen Grenzen sich lange Zeit auch das Gebiet der heutigen Ukraine befand, der sich die Litauer in besonderer Weise verbunden fühlen. Bei der anschließenden Stadtführung bekamen wir einen ersten Eindruck von der Schönheit der Stadt, was allerdings von Regen getrübt wurde.
Als am nächsten Morgen dann die Sonne herauskam, fuhren wir zunächst aufs Land, um uns die alte Wasserburg von Trakai anzusehen, die im Mittelalter das Machtzentrum des litauischen Staates war. Gleichzeitig lässt sich in Trakai wie an kaum einem anderen Ort sehen, wie die verschiedensten Volks- und Religionsgruppen in Litauen in kultureller Vielfalt neben- und miteinander leben. Am Abend erwartete uns in der Adomas-Mickevicius-Bibliothek eine von der Kulturreferentin Agata Kern in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft in Litauen veranstaltete Lesung, in der die deutsche Autorin Ulla Lachauer aus ihrem Buch „Paradiesstraße“ las und uns damit mit der wechselvollen deutsch-litauischen Geschichte von Klein-Litauen, dem untergegangenen Memelland, vertraut machte, das wir in den folgenden Tagen noch besuchen wollten.
Noch ein letzter Tag in Vilnius erwartete uns, bei dem es diesmal um die jüdische Geschichte der Stadt gehen sollte. Wegen seines hohen jüdischen Bevölkerungsanteils wurde Vilnius vor dem Zweiten Weltkrieg auch als Jerusalem des Nordens bezeichnet. Ein erschütterndes Dokument der Vernichtung dieser Kultur hatten wir vor Anritt der Reise kennengelernt, das Ghetto-Tagebuch des jungen Yitskhok Rudashevski.
Dann war Zeit, Abschied zu nehmen von Vilnius. An den letzten Tagen erkundete wir das Memelland: zunächst Klaipeda, das bis 1918 als Memel die östlichste Stadt des Deutschen Reiches gewesen war; dann die Kurische Nehrung mit ihren riesigen Wanderdünen, die Thomas Mann veranlasst hatten, 1929 in Nidden von seinem Nobelpreis-Geld ein Haus zu bauen, das heute als Museum für den großen deutschen Kosmopoliten und Gegner des Faschismus dient.
Die Zeit verging wie im Fluge. Noch am selben Abend waren wir wieder auf der Fähre und 20 Stunden später zu Hause in Deutschland. Wo wir uns fragen müssen, warum wir so lange unsere kleineren Nachbarn im Osten übersehen haben; und uns vornehmen sollten, in Zukunft viel häufiger in diese wunderschönen Länder mit ihrer komplexen multikulturellen Geschichte zu reisen.

Holger Wendebourg

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